Rieselwiesen Lüllau

Die Rieselwiesen in Lüllau

Die Bewässerung der Wiesen im Seevetal führte auch in Lüllau und Jesteburg zu besseren Lebensgrundlagen und reichhaltigen Heuernten. So müssen auch die Heuwege der entfernter liegenden Ortschaften entstanden sein (z.B. Itzenbütteler Heuweg, Ehestorfer Heuweg).

In Lüllau sind im Verlauf der Seeve ober- und unterhalb der Seevebrücke teilweise die Wiesenrücken noch erkennbar und es ist ersichtlich, wie das System funktionierte.

Karte: (c) openstreetmap.org

Berieselt wurde in unserer Umgebung fast das gesamte Tal der Seeve, abgegrenzt durch die Böschungsräume im Übergang zur Geest auf beiden Seiten des Flusses. Beim Austritt der Seeve aus dem „Gruppen“ an der Gemarkungsgrenze nach Thelstorf war die erste Schleuse, die das Wasser bis auf das Niveau der Wiesenoberfläche aufstaute (heute noch mit den Außenmauern erhalten). So wurde das Wasser in einen ,,Nebenlauf“ der Seeve hinter die Wiesen geleitet, die berieselt werden sollten.

Diese Nebenarme der Seeve versorgten die Wiesenrücken mit Wasser, sie waren genau nivelliert, so dass das Wasser, über den gesamten Rücken verteilt, sich über die Wiesenfläche ausbreiten konnte. Aufgefangen wurde das Wasser, das nicht versickert war, in kleinen, tiefer gelegenen Nebengräben, die es dann dem ,,Vorfluter“ der Seeve wieder zuführten.

Das wenige Wasser, das vom Ohlen Brook in die Seeveniederung fließt, wurde rechtsseitig der Seeve oberhalb der Brücke, der Berieselung dieser Flächen zugeführt. Das Wasser des Mühlenteichs (,,Geels„) fand ebenfalls so seinen Weg zur Seeve. Dabei versorgte es die „Hauswiese“, die Flächen „hinter der Post“ bis zur „Woterwisch“ (Bezeichnung einer Wiese) und die „langen Stükken“.

Die letzte Staustufe befand sich direkt vor der „Woterwisch“ auf dem Land von Rieckmanns. Von hier wurden die Wiesen bis hinter das Grundstück Matthies (,,Sehauster“) berieselt. Die „Woterwisch“ wurde wahrscheinlich mit dem Wasser aus der Lehmkuhle versorgt.

Schleusen, welche die Seeve stauten, gab es an folgenden Stellen:

  • am Ausgang des Gruppens
  • auf der Höhe von Hof Kröger (Mülls) in Wiedenhof

Staustufen in den Nebenläufen gab es (heute noch erkennbar):

  • auf Höhe des „Elanden“
    • (Flur 4, Flurstück Nr. 31 Peters (,,Geels“)
    • Flur 4, Fist. Nr. 30 Kühne/Rademacher (,,Kaiers“)
  • auf Höhe „Schopswasch“
    • Flur 4, Flurstück Nr. 61/1 Peters (,,Geels“)
  • auf Höhe „ Diek“ /,,de Rönn“
    • Flur 1, Flurstück Nr. 61/1 Klockmann (,,Johms“)
  • auf Höhe des ehemaligen Backhauses des Hofes „Joos“
    • Flur 1, Flurstück Nr. 68/5 Peters (,,Geels“)

Staustufen im Graben (vom Mühlenteich gespeist):

  • in der Hauswiese
    • Flur 1, Flurstück Nr. 68/5 Peters (,,Geels“)
  • hinter der Post
    • Flur 1, Flurstück Nr. 68/5 Peters (,,Geels“)
  • in der „Woterwisch“
    • Flur 1, Flurstück Nr. 68/3 Rieckmann
  • lange Stücken
    • Flur 1, Flurstück Nr. 68/5 Peters (,,Geels“)

Eine Besonderheit war „de Rönn“, die ausgehend vom Flurstück Nr. 61/1 quer über die Seeve verlegt wurde zum Flurstück. Nr. 64/10 (unterhalb der Straßenbrücke).

Weil die Wasserführung ohne Schleuse hier nicht rechtsseitig der Seeve möglich war, querte man den Fluss einfach mit einer Rinne. So konnten die dort befindlichen Wiesenrücken mit Wasser versorgt werden. Durch den geregelten Ablauf des Wassers gab es keine Vernässung der Wiesen.

Anmerkungen

  • „De Diek“: Hierbei handelt es sich um die Bezeichnung einer Wiese, die zum Johmshof gehört. Von der Seevebrücke nach Schierhorn aus gesehen (Blickrichtung Dorf) handelt es sich um die links der Seeve gelegene Wiese.
  • „De Rönn“ = die Rinne. Dieser Graben verlief ursprünglich diagonal durch den „Diek“, gerade auf die Seeve zu. Das Wasser kam vom „Brink“. Über eine kleine Brücke, die heute noch erhalten ist, wurde das Wasser zur Berieselung auf die gegenüberliegende Seeveseite geleitet. ,,De Rönn“ wurde in den 1960er-Jahren eingeebnet.

Das Prinzip Rieselwiese

Die Wiese – die Mutter des Ackers

Mit dieser frühen Form einer industrialisierten Landwirtschaft konnten Wiesen kontrolliert bewässert werden. Vermutlich kam das Prinzip im 15. Jahrhundert über den Alpenraum nach Norddeutschland. Der Ursprung dieses Bewässerungssystems geht auf Bauern in Suderburg bei Uelzen zurück, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchten, durch eine „Berieselung“ ihrer Wiesen eine größere Ernte zu erzielen. Bereits ein paar Jahre nach den ersten Versuchen erzielten sie das sechs- bis achtfache einer normalen Heuernte – und das ließ aufhorchen. 1854 wurde in Suderburg sogar eine Wiesenbauschule eröffnet und alsbald waren die „Suderburger Wischenmake“ – in vielen europäischen Ländern sehr bekannt. 

Die Heidebäche mit ihrem Wasserangebot, dem Gefälle und begleitenden Wiesen boten gute Voraussetzungen für diese Technik. Neben der Berieselung waren die im Wasser mitgeführten Sedimente mineralischer und organischer Herkunft besonders wichtig. Das Wiesengras wirkte wie ein großer Filter. Diese Sedimente blieben liegen und sicherten als Dünger eine gute Ernte ab. Höhere Heuernten bedeuteten Futter für zusätzliche Rinder. Mehr Rinder bedeutete mehr Dung für die Äcker. Dieses alles verbesserte die Lebensgrundlage in der Heide nachhaltig.

Veränderte Wirtschaftsformen und die aufwendige Unterhaltung waren Gründe dafür, dass die meisten Rieselwiesen bald nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt wurden.

In Jesteburg auf dem „Wiedenhof“ in Lüllau kann noch heute dieses seltene Denkmal einer einst in Mitteleuropa verbreiteten Bodenkultur besichtigt werden.

Zeichnungen: (c) Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg

Bei dieser Bewässerungstechnik wurde die Landschaft mit Wiesenrücken (die Erde wurde zu einer leichten Erhebung aufgeschüttet) und Gräben modelliert. Entlang der gewölbten Beete wurden Be- und Entwässerungsgräben gezogen. Mit Schleusen konnte der Wasserzufluss reguliert werden. Das gestaute Flusswasser wurde über ein Rinnensystem auf die Scheitel der gewölbten Wiesen geleitet, „rieselte“ die Wiesenrücken und floss über Rinnen ab. Das künstliche Gefälle der Rücken sorgte dafür, dass das Bewässerungswasser immer in Bewegung blieb und eine ständige „Berieselung“ der Wiesenflächen stattfand.

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