Vom Flachs zum Leinenstoff

Spinnen und Weben in Jesteburg

Im 19. Jahrhundert war Jesteburg stark von der Landwirtschaft geprägt. Der Anbau von Flachs und Hanf ermöglichte den Bauern, Leinen herzustellen. Der einjährige Flachs wurde zwischen März und Juni ausgesät, bereits nach drei Monaten geerntet und in den Wintermonaten im Haushalt zu Leinen verarbeitet.

Grundbesitzer, die nicht über eigenen Flachs verfügten, kauften ihn in Steen (Bündeln) gepackt, auf den Flachsmärkten in Uelzen oder Lüneburg. Gemeinsam führen die Frauen fuhren mit dem Wagen nach Marxen und wurden am Abend mit ihrer Bürde wieder abgeholt.

Bevor der Flachs als Leinenstoff verwendet werden konnte, musste er mühsam bearbeitet, versponnen und gewebt werden.

Zuerst musste der Flachs zu spinnfähigen Fasern verarbeitet werden:

  1. Der reifen Faserfrucht werden die Samen abgeschlagen (Riffeln).
  2. Die Stengel werden zum Verrotten zirka 10 Tage im Wasser gelegt => die Faser lockert sich (Rotten).
  3. Die Stengel werden in der Sonne getrocknet und im Backofen nachgedörrt (Dörren).
  4. Die Stengel werden mit der Brake zerkleinert und so die Fasern freigelegt (Braken).
  5. Die fast freien Fasern werden mit der Schwingmaschine (ein Gestell mit Querbrett, an dem vier Holzflügel beim Drehen scharf herunterstreiften) von anhaftenden Holzteilchen befreit (Schwingen).
  6. Die Fasern wurden auf dem Hechelbrett (Brett mit hervorstehenden Eisenzäpfchen) wurden gleichmäßig ausgerichtet und letzte Holzpartikel entfernt (Hecheln).

Jetzt konnten die Fasern versponnen werden.

Das Spinnen

Das Spinnen war eine ausgesprochene Winterarbeit für Frauen. Es bildeten sich sogenannte Spinnstubenzirkel von 6 bis 8 jüngeren Mädchen. Diese versammelten sich reihum in den verschiedenen Häusern und spannen abends bei einer einzigen Petroleumlampe das feinste Garn, dabei sangen sie alte Volkslieder und tauschten sich über den neusten Tratsch aus. Um 8 1/2 Uhr wurde eine Pause eingelegt (se güngen vör de Dör oder up de Deel). Draußen warteten nämlich die stillen Verehrer auf ein Stelldichein, welches manchmal auch etwas stürmischer ausgefallen sein mag. Der Ausruf beim Wiedereintritt in die Stube „Oh Gottogott, wott sütt mien Hoor ut!“ bestätigte dies. Diese Gelegenheit benutzte wohl auch zuweilen ein Bursche, um seiner Angebeteten den Wocken vom Spinnrad zu rauben. Er konnte nur durch einen Kuss wieder   eingelöst werden. Um zehn Uhr war Feierabend. Die Jünglinge trugen den Mädchen die Spinnräder nach Haus.

Das Weben

In den Vorfrühlingsmonaten begann das Weben auf den eichenen Webtauen. Bevor das Garn auf den Webstuhl kam, musste es auf einen Scherrahmen gebracht werden. Dies war eine sehr kunstvolle Arbeit. Das inzwischen von den kleinen Radspulen auf größere Scherspulen gewickelte Garn wurde auf diesem karussellartigen Rahmen in Strähnen von etwa dreißig Stück stufenweise angeordnet und gezählt. Wenn so die gewünschte Anzahl Strähnen hergestellt war, wurde sie vom Scherrahmen abgenommen und als Kette auf den Webstuhl gezogen, eine Arbeit, die von Männern gemacht werden musste. Die Frauen besorgten inzwischen das Einziehen der Kettfäden in die Schäfte und in den Webkamm, und der Aufzug war fertig.

Mittels einer Tretvorrichtung wurden die Schäfte abwechselnd gehoben und gesenkt, um die Kettenfäden für den Durchgang der Schießspule oder des Schiffchens mit dem Schussfaden freizulegen. Der Schussfaden schlug dann mit der Kammlade zweimal kräftig an das Gewebe. Eine Haspel wickelte daraufhin den Einschlag für die Schießspule auf kleinere Spulen. Diese Arbeit führten alte Leute oder größere Kinder aus. Zum Einschlag nahm man auch schon Baumwollgarn, es entstand dann das Halbleinen. Hanffaser verwendete man nur zur Herstellung von Sackleinen.

Das Bleichen

Nach dem Ernten zeigt die Flachsfaser einen grau-beigen Naturton der durch Licht und Sauerstoff ausbleicht bis zu annähernd reinem Weiß. Deshalb hat man früher die Leinentuche zum bleichen intensiver Sonnenbestrahlung ausgesetzt.

Zum Bleichen des Linnens hatte der Hofbesitzer und Gastwirt Hermann Meyer eine Bleichwiese mit Bückanlage eingerichtet, die von allen Dorfbewohnern, die nicht selbst über Hauswiesen verfügten, benutzt wurde. Die Bückanlage bestand aus einem in die Seeve gebauten Steg mit einem Tischbrett.

Das Stück Leinen wurde vom Steg aus flussabwärts in die Seeve geworfen, dann schichtweise auf das Tischbrett gezogen und mit einem Handbrett (Bückbrett) tüchtig geklopft, dann straff auf den Rasen gespannt und täglich mit einer Gießkanne ausgiebig besprengt.

In einem kleinen Wachhäuschen schlief des Nachts der Schäfer; sein treuer Hund war vor der Hütte angebunden und passte auf. Für jedes Stück Leinen musste als Entgelt ein Kartoffelauskrieger (jemand, der Kartoffeln aus dem Ackerboden sammelt) für einen halben Tag gestellt werden, denn Bargeld war knapp. Das Gesinde bekam neben dem Barlohn Hemden aus Leinen und Wollgarn für Strümpfe. Ein mit Leinen gefüllter Koffer war der Stolz der Bäuerin.

Eine interessante Beschreibung des kompletten Verarbeitungsprozesses um 1900 finden Sie auf der Homepage https://www.heimatpflege-uslarer-land.de/musterbleiche/anlagen/flachsanbau_busse.pdf

In der Filmothek des Bundesarchivs können Sie einen Originalfilm von 1918 (ca. 42 Minuten) anschauen, der einen Einblick in die beschwerliche Arbeit zur Verdelung des Flachses gibt: https://www.filmothek.bundesarchiv.de/video/10574

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